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Urbane Dörfer: Die neue Lust aufs Land.

Urbane Dörfer: Die neue Lust aufs Land.

Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann.

Während es in deutschen Städten immer schwieriger wird, passenden und bezahlbaren Wohnraum zu finden, bluten die ländlichen Gebiete, vor allem in den alten Bundesländern, zunehmend aus. Seit Jahren sucht die Politik nach Wegen, dem entgegenzusteuern, doch Landleben lässt sich nicht einfach verordnen. Die zunehmende Akademisierung hat diesen Trend noch verstärkt. Berufstätige wohnen und arbeiten in den Städten, wer eine Familie gründet, zieht allenfalls in die auch immer teurer werdenden Speckgürtel der Metropolen.

Doch mittlerweile gibt es kleine Kommunen, die bewusst junge Städter anlocken. „Speckwürfel inmitten des schrumpfenden Raumes“ nennt Reiner Klingholz, Leiter des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, sie. Und es gibt innovative Menschen wie Digital- Projektmanager Philipp Hentschel, der mit seiner Familie raus aus der Stadt will, wo es immer enger, voller und teurer wird. Gemeinsam mit gleichgesinnten Berlinern hat er eine Genossenschaft gegründet und baut gerade einen verfallenen Gutshof im Dorf Prädikow in Brandenburg zu einem Wohn- und Arbeitsdomizil um. 60 bis 100 Erwachsene und Kinder sollen hier Platz finden – und davon gibt es auf dem großen Vierseithof mit neun Hektar Land mehr als genug.

Der Hof Prädikow ist eines von 18 Projekten, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in der Studie „Urbane Dörfer – Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann“ untersucht hat. Die Forscher wollten wissen, für wen der Umzug aufs Land überhaupt interessant ist und welche Unterstützung diese Menschen brauchen. Einige der Projekte stecken noch in den Kinderschuhen, andere sind bereits im dörflichen Alltag verankert.

Digitales Arbeiten geht überall.

Bei den Stadtflüchtigen handelt es sich keineswegs nur um nostalgische Backsteinromantiker, Menschen wie Philipp Hentschel wollen das Leben auf dem Land vielmehr mit viel Tatkraft und Engagement neu erfinden. Paradoxerweise haben gerade Menschen, die in der digitalen Arbeitswelt aufgewachsen sind, die besten Voraussetzungen für die Stadtflucht haben, denn digitales Arbeiten kann überall stattfinden. So sind es vor allem Akademiker, die in Kreativ- und Wissensberufen arbeiten, die das Land als neuen Lebensort für sich entdecken – und dabei neue Formen gemeinschaftlichen Wohnens und Arbeitens schaffen.

Freiberufler und Selbstständige wie Mediengestalter, Architekten und Journalisten können ihre Arbeit mit aufs Land nehmen und teilen sich dort Büroräume, um nicht allein vor dem PC zu sitzen.  Voraussetzung hierfür ist allerdings eine gute Verbindung zum weltweiten Netz, und die ist, trotz anderslautender Versprechen der Bundesregierung, durchaus nicht flächendeckend gegeben.

Andere suchen sich auf dem Land neue Stellen, denn pendeln will auf Dauer niemand. Wieder andere nutzen die Chance für einen beruflichen Wandel. So hat Philipp Hentschels Frau, ehemals Programmiererin, auf Tischlerin umgelernt.

Impulse für die Dorfentwicklung.

Auch die Kommunen profitieren davon, dass neues Leben in alte Fabriken, Mühlen, Klosteranlagen und Landgüter einzieht, denn es handelt sich um baufällige Gebäue, die die Kommune sonst auf eigene Rechnung abreißen müssten. Doch damit nicht genug, bringen die Städter auch Ideen und Impulse für die dörfl iche Entwicklung mit, denn sie wollen ihr neues Umfeld aktiv mitgestalten.

Nicht nur digitale Arbeitsinseln entstehen im „Dorf 4.0“, sondern auch neue Treffpunkte für die Dorfbewohner und die Zugezogenen. Die Städter eröffnen Cafés, Hofläden, organisieren Kulturfestivals oder gründen Initiativen für die Nahversorgung von Lebensmitteln. Der zugezogene Nachwuchs rettet den ein oder anderen Dorfkindergarten.

Einige Orte haben durch ihre neuen Bewohner und Angebote sogar so viel Bekanntheit erlangt, „dass die Städter sich am Wochenende in Scharen aufmachen, um in der alten Gärtnerei Kaffee zu trinken, die Ausstellung lokaler Künstler zu besuchen und am Ende das frisch geerntete Gemüse aus dem lokalen Permakulturgarten zu kaufen“, heißt es in der Studie.

Zwar gäben die untersuchten Projekte keine Gewähr für eine Trendwende, räumen die Macher der Studie ein, doch mit Unterstützung durch eine Politik, die die Zeichen der Zeit erkennt, könnte ein Strukturwandel hin zu mehr Ausgleich zwischen Stadt und Land gelingen.

Die im August 2019 erschienene Studie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und Neuland21.e.V. findet man unter www.berlininstitut.org/publikationen. Quelle: RE/MAX

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